Raimund Eberle (  04. Juli 2007)

 Ministranten

Heutzutage ist leicht Ministrant sein, wo einer nicht einmal mehr das Confiteor können muß und schon gar nicht das Suscipiat. Die Verrichtungen  am Altar konnte  dem  angehenden  Meßdiener der  Oberministrant  beibringen, manchmal auch der Mesner. Die lateinischen Gebete aber mußte man beim Herrn Kooperator lernen; so hießen früher die jungen Geistlichen, die einem Pfarrer als Mitarbeiter beigegeben waren.

Es war schon arg mühsam, sich die richtige Antwort auf das Gebet des Geistlichen einzuprägen, der dem Ministranten gegenüber in dem unschätzbaren Vorteil war, daß er verstand, was er auf Lateinisch sagte. Da war nicht nur das einfache Et cum spiritu tuo zu lernen als Antwort auf das Dominus vobiscum, sondern auch so schlimme Zungenbrecher wie Quemadmodum speravismus in te oder Omnem delectamentum in se habentem. Ganz hart haben sich Generationen von Ministranten mit dem Confiteor getan, jenem langen Sündenbekenntnis  im  Stufengebet, und erst recht mit dem so kompliziert zu sprechenden Suscipiat Dominus sacrificiüm tuum. Freilich  lag an den Altarstufen, wo die Ministranten knieten, eine Tafel vor jedem mit den lateinischen Texten.

Aber auf die Weite konnte man sie  kaum lesen und außerdem hätte die  Frühmesse viel zu lange gedauert,  wenn man die Gebete gut verständlich abbuchstabiert hätte. So bleibt es das Geheimnis vieler Buben, wie sie beim Confiteor auf der rechten  und der linken Seite am Altar genau gleichzeitig dreimal an die Brust klopfen konnten und beim Suscipiat, bei dem man sich tief  nach vorn zu neigen hatte, genau  gleichzeitig die Köpfe wieder heben konnten (ein Zipfel des Geheimnisses sei doch gelüftet: der linke Ministrant mußte stets Blickverbindung  zum  rechten  halten ...)

Angefangen hat jeder als der Linke; auf der rechten Seite unterhalb des Altars knien zu dürfen  hieß schon eine Sprosse der Karriere weitergekommen zu sein. Der  Linke» war eigentlich nur der Handlanger des Rechten, durfte gerade noch das Tüchlein beim Lavabo herbei tragen; Wasser und Wein zu reichen, stand nur dem Rechten zu. Sein besonderes Vorrecht war,  das Geschirr für Wein und Wässer  noch während der Messe in die Sakristei   hinauszutragen.   Dieses  Recht entfaltete seinen Vorteil besonders dann, wenn bei einem fremden Geistlichen zu ministrieren war. Das brachte nicht nur ein  Fünferl mehr Lohn ein, manchmal von dem fremden Herrn ein weiteres dazu: man konnte genau erkennen, ob der Gast auch einmal Ministrant gewesen ist. Dann kannte er nämlich das ungeschriebene, aber  von allen Kundigen sorgsam befolgte Gesetz, daß der Gast immer  ein wenig Messwein in dem Silberkännchen oder Glas zu lassen hatte – für den Rechten, der sich beeilte, das Geschirr in die Sakristei zu bringen . . . .

Ein steiler Schritt nach oben war es,   wenn  der  Ministrant  zum Schiffchenträger  oder  gar  zum Weihrauchfaßträger aufstieg. Beide Funktionen brachten den Vorzug, daß man nicht das ganze lange Hochamt über in der Kirche sein mußte, sondern nur, wenn es zum Räuchern war. Bei bestimmten Anlässen legte der Geistliche selbst die Weihrauchkörner aus dem silbernen Schiffchen in das Rauchfaß, auf die glühende Holzkohle, sonst aber durfte es der Schiffchenträger. Mancher hat den Kirchenchor zum Husten gebracht, weil er vor lauter Frömmigkeit den silbernen Löffel hoch aufgehäuft mit Weihrauch gefüllt hat. Fast in jeder Pause holte der Rauchfaßträger in der Sakristei die eiserne Schale mit der Holzkohle aus dem kostbaren silbernen Gefäß, hing sie an einen langen Haken, trat auf den Friedhof hinaus und schwang die Schale wild im Kreis, bis die Kohle hell aufglühte; das gab hernach, wenn man das Rauchfaß in der Kirche kräftig und hoch hinauf nach links und rechts schwang,   teilende Wolken des duftenden quellende Wolken des duftenden Nichts !

Einmal muß ein Wohltäter unserer Kirche zum heiligen Laurentius eine hochherzige Spende gemacht haben. Wir bekamen rote Talare, wie ein Kardinal, und dünne seidene Chorröcke darüber. Mir wurde die Ehre zuteil, als Zerermoniar dienen zu dürfen, mit einer großen roten, quastenbehangenen Kragen  und einem silbernen Zeigestab. Ich  mußte dem Herrn Pfarrer das messingbeschlagene  Meßbuch  aufschlagen und mit dem Silberstab  auf die zu lesende oder singende Stelle deuten. Heute noch bin ich  ihm in die Ewigkeit hinein dankbar, daß er mit dem kleinen Finger der linken Hand einen Fingerzeig  gab, den die anderen nicht sehen  konnten.

 Aufregende Zeiten waren für die  Ministranten der Karfreitag, der  Karsamstag. Tage vorher übte man den Umgang mit den hölzernen  Klappern, die statt der kleinen  Meßdienerglocken  herzunehmen waren. Auch das Bedienen der Karfreitagratsche wollte  gelernt sein. Den Altardienst am Karfreitag konnte einer nur versehen, wenn er selbst viel Erfahrung und der Herr Pfarrer viel Geduld hatte.

Aufregend dann, wenn man die Schuhe auszog und strumpfsockend, nach dem Vorbild des Pfarrers sich mehrmals zu Boden werfend, zu den Stufen des Altars zog; aufregend besonders, wenn sich auf dem weiten Weg zur Kirche ein Loch in den linken Socken gescheuert hatte und der Mesner es mit einer Sicherheitsnadel so zusammenfügen konnte, daß es in der abgedunkelten Kirche keiner sehen konnte.  Aufregend  auch,  wenn dann am Karsamstag die Auferstehung gefeiert wurde an dem mit vielen bunten Kugeln geschmückten heiligen Grab: nur die Ministranten wußten, von den anderen Dorfbuben beneidet und und ihnen gegenüber eisern verschwiegen, wie es vor sich ging, dass der ins Felsengrab (aus Holz und Leinwand) gelegte Gekreuzigte unter bengalischem Feuer und Rauch verschwand und langsam über dem Grabhügel auftauchte.

Bei  einem  so  interessanten Dienst hat einer Mühen und Anstrengungen nicht gescheut. Im Winter hat es schon etwas bedeutet, eine gute Stunde vor Schulbeginn in der Kirche zu sein, noch früher, wenn man im Engelamt zu ministrieren hatte - was aber so heimelig schön war, daß der Mesner keinen besonders um diesen frühen Dienst bitten mußte. Man stapfte durch den tiefen Schnee, nicht selten von der Mutter begleitet, die Angst hatte, der Bub könnte steckenbleiben. In der Kirche war es bitter kalt; der Lehrer an der Orgel trug gestrickte Fingerhandschuhe, bei denen die Fingerkuppen frei waren. In der Sakristei knackte trockenes Holz im Kanonenofen, den der brave Mesner schon angeheizt hatte, ehe die Buben von den entlegenen Ortschaften kamen und der Pfarrer aus dem nahen Pfarrhof. Viele Leute waren es nicht im Engelamt, aber immer wurde die Orgel gespielt, ein paar Leute vom Kirchenchor sangen eine lateinische Messe und dann fast immer viele Strophen von „Leise rieselt der Schnee..."

Das schönste Ministrantenerlebnis aber war Fronleichnam. War das ein Leben in der Sakristei! Der Mesner hatte gerade zu tun, dem Pfarrer und dem Kooperator die schönsten, goldgestickten Meßgewänder umzulegen, später dann den schweren Rauchmantel und das Schultertuch. Alle Ministranten waren da, schnallten die schönsten roten Röcke um und bekamen von der Frau Mesnerin frisch gewaschene und gestärkte Chorröcke. Die Himmelträger banden ihre Gewänder um, schlüpften in weite Chorröcke und zwängten die kräftigen Männerhände in die ungewohnten weißen Handschuhe. Die Burschen kamen mit den Fahnen an langen Stangen vom Speicher herunter; Kirchenchor und Blasmusik, weithin hörbar, wetteiferten miteinander, wer es am schönsten könnte. Gut hundert Meter vor jedem  der  birkengeschmückten Altäre begannen die Ministranten mit ihren Klingeln zu läuten; man bekam feuerrote Hände davon und es half wenig, wenn man ein Taschentuch um den Griff der Klingel schlang, es verrutschte immer wieder. Da waren die Würstl und die Limonade, die der Herr Pfarrer nach der Prozession im Wirtsgarten auftragen ließ, redlich verdient.

Recht weltliche Erinnerungen? Wenn Männer zusammenkommen, die Ministranten gewesen sind, erzählen sie von manchem Stücklein, das sie geliefert, manchem Streich, den sie gespielt haben und der längst verziehen ist, im Himmel und auf Erden. Von dem Geheimnis ihrer persönlichen Begegnung mit Gott, so nahe an seinem Altar, vom stillen Stoßgebet in ihren Buben  - nöten, von der heimlichen Freude an ihrem Dienst und dem gar nicht sündhaften Stolz, ihn leisten zu dürfen - davon reden sie nicht.

zurück zum Kirchenchor